FAZ 24.09.2026
10:17 Uhr

Sanierungsprojekte: Warum die Opern so viele Milliarden kosten


Am Donnerstag wird die Kölner Oper wiedereröffnet, nach 14 Jahren Sanierung und 1,5 Milliarden Euro Baukosten. In anderen Städten geht es um ähnliche Summen. Dafür gibt es spezielle Ursachen. Darunter sind ein paar sehr deutsche Probleme.

Sanierungsprojekte: Warum die Opern so viele Milliarden kosten

Man weiß nicht, ob man wirklich von einer glücklichen Fügung sprechen soll. An diesem Donnerstag werden die Bühnen der Stadt Köln mit einem Festakt wiedereröffnet, volle 14 Jahre lang waren sie baubedingt geschlossen. Auf drei Jahre waren die schon verspätet begonnenen Sanierungsarbeiten ursprünglich angesetzt, 253 Millionen Euro sollten sie kosten. Am Ende wurden daraus 1,5 Milliarden Euro. Probleme mit der Haustechnik galten als Hauptursache des Debakels, ähnlich wie im Fall des Berliner Vorortflughafens BER oder der Verkleinerung des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Im italienischen Bologna müssen die Kulturbeflissenen noch ein halbes Jahr warten, bis ihr renommiertes Teatro Comunale wieder öffnet – passenderweise mit Claudio Monteverdis „Rückkehr des Odysseus“. Die Intendantin spricht von der bedeutendsten Theaterinvestition während der vergangenen anderthalb Jahrzehnte in ganz Italien, mit einem umfangreichen Anbau für Büros und Probenräume, Gastronomie und Kundenservice. Die veranschlagte Bauzeit von gut drei Jahren wurde nur um ein knappes Jahr überzogen, der Kostenrahmen von 20 Millionen Euro an öffentlichen Geldern weitgehend eingehalten. Hinzu kamen 1,9 Millionen Euro für die Sanierung des historischen Zuschauerraums: Millionen, wohlgemerkt, nicht Milliarden, die Opposition im Stadtrat regt sich trotzdem darüber auf. Eine Erneuerung der Bühnentechnik soll während des laufenden Betriebs folgen. Nun wird es kaum jemanden überraschen, dass man im bisweilen arg lässigen Rheinland weniger effizient arbeitet als in Norditalien, erst recht im Vergleich zur Region Emilia-Romagna, die seit jeher als Hort effizienter Verwaltungspraxis gilt. Trotzdem bleibt der Abstand zwischen den stolzen Milliardensummen in Deutschland und den bescheidenen Millionensummen im Ausland beachtlich. Das betrifft nicht nur Köln und Bologna, sondern zahlreiche weitere Sanierungs- und Neubauprojekte. Die Zahlen sind nicht direkt vergleichbar, weil sich die Anforderungen unterscheiden. In Deutschland unterhalten die meisten Bühnen einen Repertoirebetrieb mit vielen Eigenproduktionen, die im Wechsel gespielt werden, und eigenen Ensembles. Das stellt andere Ansprüche an Bühnentechnik, Probenräume, Werkstätten, Depots. In großen Mehrspartenbetrieben wie Stuttgart oder Frankfurt arbeiten weit mehr als tausend Menschen. Und viele Theater wurden in den Nachkriegsjahren neu gebaut oder neu ausgestattet, mit Technik, die jetzt ans Ende ihrer Lebensdauer kommt. Das erklärt vieles, aber nicht alles. Die gigantischen Zahlen verweisen auch auf die besonderen Probleme, die Deutschland mit seinen öffentlichen Bauprojekten hat – eben nicht nur in Bezug auf Bahnhöfe oder Flughäfen, sondern auch, wenn es um Kulturbauten geht. Komplexe Vorschriften spielen eine Rolle, für Brandschutz oder Arbeitsschutz etwa: Vorhandene Bauten genießen Bestandsschutz, aber wer in großem Stil um- oder ausbaut, muss alles erfüllen. Daneben trägt zu den Problemen bei, dass die Instandhaltung, die aus laufenden Etats zu bezahlen wäre, oft aufgeschoben wird – so lange, bis eine komplexe Generalsanierung nötig erscheint. Auch ein sehr deutscher Perfektionismus ist ein Faktor. Notbremsung in Stuttgart Der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir betätigte vorige Woche die Notbremse. Gemeinsam mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister von der CDU kündigte der Grüne an, die geplante Sanierung der historischen Staatsoper noch einmal zu überprüfen: Eine Expertenanhörung soll noch einmal zwischen den Risiken einer Sanierung und einem möglichen Neubau abwägen, „ergebnisoffen“, wie es heißt. Zuletzt hatten sich niemals offiziell bestätigte Kostenschätzungen auf bis zu zwei Milliarden Euro belaufen, allerdings unter Einschluss der Zinsen, die Stadt und Land für die nötigen Schulden zahlen müssen – eine Rechnung, die in öffentlichen Haushalten bislang unüblich war. Allein die Interimsspielstätte, in der die Oper während der zehnjährigen Bauphase auftreten soll, ist mit fast 300 Millionen Euro veranschlagt: deutlich mehr, als andernorts ganze Theaterneubauten kosten. Die Projektgesellschaft, die das Vorhaben plant, verteidigt die teure Sanierung dennoch. „Wir bauen hier keinen simplen Gewerbebau“, sagt Geschäftsführer Christoph Niethammer. „Es geht um ein großes, komplexes und daher sehr lang dauerndes Bauvorhaben, das Stabilität und Kontinuität benötigt. Wir bekommen aber für das Geld einen klaren Gegenwert.“ Özdemirs Sorgen gründen auf der Erfahrung in weiteren Städten, nicht bloß in Köln. Das rheinische Debakel hatte bereits die Verantwortlichen in Düsseldorf und Frankfurt zum Umdenken veranlasst, auf unterschiedliche Weise. In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt war ebenfalls eine aufwendige Sanierung des bestehenden Opernhauses erwogen worden, eines eleganten Nachkriegsbaus der 1950er Jahre mit Elementen des im Krieg beschädigten Hauses. Nach den Erfahrungen von der anderen Seite des Rheins entschloss man sich zu einem Neubau, um Kostenrisiken zu vermeiden. Auch dafür stieg allerdings der Aufwand von zunächst veranschlagten 700 Millionen Euro auf zuletzt 1,8 Milliarden Euro, die Finanzierungskosten ebenfalls mitgerechnet. Im Frühsommer stoppte der Oberbürgermeister die Planungen, im Gegenzug soll es aber auch keine aufwendige Sanierung des bestehenden Gebäudes geben. Stattdessen sind nur die nötigsten Instandhaltungen unter laufendem Betrieb vorgesehen. „Wir respektieren die finanzielle kommunale Notlage“, ließ die Theaterleitung wissen – um sogleich zu mahnen, die geplanten Arbeiten würden „keinesfalls ausreichen, um den Spielbetrieb mittel- bis langfristig zu sichern“. Neubaupläne in Stuttgart Die Stadt Frankfurt hält an ihren Neubauplänen für Oper und Schauspiel bislang fest. Hier lief es zunächst ähnlich wie in Düsseldorf: Eine Sanierung des bestehenden Gebäudes war ursprünglich auf 850 Millionen Euro veranschlagt worden, weshalb sich die Verantwortlichen dachten, für das Geld könne man besser und risikoärmer neu bauen. Zwischenzeitlich stiegen die Kostenschätzungen für die Neubauten auf 1,3 Milliarden Euro, zuletzt wurden gar keine Zahlen mehr genannt. Auf die Eröffnung müssen Zuschauer und Mitwirkende noch mindestens zehn Jahre warten. Die gewaltigen Zahlen mit ihren zehn Stellen haben etwas ins Rutschen gebracht. Früher hatte die Kulturpolitik anders kalkuliert: Bauinvestitionen waren einmalige Ausgaben, also leicht zu verschmerzen im Vergleich zu den Summen, die der laufende Betrieb gerade in der Oper jedes Jahr aufs Neue verschlingt. Angesichts der Beträge, die heute im Raum stehen, geht das Kalkül allerdings nicht mehr auf. Ungefähr 3,2 Milliarden Euro im Jahr zahlt die öffentliche Hand dafür, dass Sänger und Schauspieler, Techniker und Orchestermusiker ihr Gehalt aufs Konto bekommen. Von den zwei Milliarden Euro, die für manche Theatersanierung veranschlagt sind, ließe sich zu einem guten Teil der Betrieb aller 136 öffentlichen Theater in Deutschland ein ganzes Jahr lang bezahlen. Allerdings strecken sich auch die Baukosten über viele Jahre, was sie für die Haushaltspolitiker wiederum leichter verschmerzbar macht. Bürokratie kostet viel Geld Christian Schwandt ist kaufmännischer Geschäftsführer des Mecklenburgischen Staatstheaters in Schwerin, er hat gerade zwei kleinere Spielstätten neu gebaut und das historische Große Haus saniert – Letzteres in nur anderthalb Jahren und mit Kosten, die von 14 auf 16 Millionen Euro nur moderat stiegen. Für die Interimsspielstätte in einem Zirkuszelt hat er alles in allem 1,5 Millionen Euro ausgegeben, das entspricht einem halben Prozent des in Stuttgart geplanten Aufwands. Schwandt nennt drei große Kostentreiber: die Vorschriften für die Statik, für den Brandschutz – und für Ausschreibungen bei Bauprojekten der öffentlichen Hand. Letzteres trug in Köln zu den Problemen maßgeblich bei: Nachdem die beauftragte Firma für die Haustechnik pleitegegangen war, musste ein neues Ausschreibungsverfahren gestartet werden. So etwas kann dauern, und das bringt dann auch alle anderen Arbeiten durcheinander. Die Schweriner haben sich ihre neue Nebenspielstätte deshalb von einem Generalunternehmer in nur vier Monaten ausbauen lassen und anschließend zurückgemietet. Kürzere Wege und bescheidenere Ansprüche in dem kleineren Bundesland helfen. Manchmal sind es allerdings auch die Wünsche der Künstler selbst, die Projekte verteuern. Wer zuletzt die Baustelle des Nationaltheaters in Mannheim besuchte, bekam das ganz augenscheinlich vor Augen geführt: Für neue Räume unter dem Theater wurden eigens Wände eines alten Weltkriegsbunkers aufgesägt, auch um Durchgänge und Fluchtwege für einen neuen Orchesterprobensaal zu schaffen – hier kommt wieder der Brandschutz ins Spiel. Ursprünglich sollte der Probensaal oberirdisch an das klassisch-moderne Haus aus der Nachkriegszeit angebaut werden. Das verhinderte der Denkmalschutz. Insgesamt, so betont das Theater, habe man die veranschlagten Baukosten aber nur um unterdurchschnittliche 20 Prozent überschritten. Trotzdem kostet die Sanierung in Mannheim immer noch viel mehr als etwa im südfranzösischen Toulon, wo das zweitgrößte historische Operngebäude Frankreichs gerade für 40 Millionen Euro instand gesetzt wird. Manchmal wird es allerdings auch im Ausland teuer. Die Sanierung des Kennedy-Centers in Washington ist auf umgerechnet 250 Millionen Euro veranschlagt, allerdings handelt es sich um einen großen Kulturkomplex, der neben der National Opera noch weitere Institutionen beherbergt. Und die Bastille-Oper in Paris, Europas größtes Musiktheater, soll demnächst für Bauarbeiten schließen, auf 450 Millionen Euro sind die Kosten veranschlagt – mit zahlreichen Neben- und Unterbühnen, die es in dieser Form in keinem deutschen Haus gibt. In Frankfurt ist man unter diesen Umständen froh, dass man sich für die Neubauvariante entschieden hat. „Wir haben lange abgewogen, ob wir sanieren oder neu bauen“, sagt Kulturdezernentin Ina Hartwig. „Die Sanierung wäre nicht wesentlich günstiger gewesen, aber sie hätte sehr viel mehr Kostenrisiken mit sich gebracht. Am Ende war klar: Ein Neubau ist sinnvoller.“ Sie klingt erleichtert, dass sie sich um Unwägbarkeiten einer Sanierung keine Gedanken mehr machen muss.